Ein zeitgeschichtlich wie auch künstlerisch äusserst wertvolles Werk

Um die Jahrtausendwende hatte ich das Privileg, während längerer Zeit mit Roland Schneider zusammen zu arbeiten. Ziel war damals, sein etwa zwei Millionen Aufnahmen umfassendes Werk, das er privat lagerte, in eine Institution einzubringen, welche sich um deren Aufarbeitung kümmern würde. Ich darf sagen, dass ich während dieser intensiven Zeit mit Roland Schneider mehr über die Kunst, Bilder zu lesen gelernt hatte als je vor- oder nachher. Die Erkenntnisse, die ich aus der Zusammenarbeit gewinnen konnte, fanden ein Echo in meiner Ausstellung für den Kunstverein Solothurn „Im Sucher. Zeitgenössische Fotografie in Solothurner Sammlungen“, wo ich Dokumentar- sowie sogenannte Kunstfotografie munter mischte. Unsere Hoffnungen auf eine adäquate Einbringung des Werkes in eine Institution hingegen zerschlugen sich leider. National war zwar ein grosses Interesse da, jedoch nicht ausreichend Platz, und regional, d.h. in diesem Fall in Solothurn, war bei den verantwortlichen Personen – meist nicht mit der hiesigen Kultur genuin vertraut – kein Engagement für die Jurasüdfussfotografie und ihren schillernsten Vertreter Roland Schneider zu stimulieren. Das wurmt mich noch heute, ist die Jurasüdfussfotografie doch ein hoch zu schätzendes nationales Kulturgut, und es hätte dem Kunstmuseum Solothurn bestens angestanden, dieses in seinen Bestand und sein Programm zu integrieren. Nun ist die Stadt Olten, namentlich das Historische Museum Olten Nutzniesser dieses Situation geworden, und so bleibt mir halt nun, die Oltner nach Kräften darin zu unterstützen, dieses zeitgeschichtlich wie künstlerisch äusserst wertvolle Werk für ein interessiertes Publikum und die Nachwelt aufzuarbeiten. Denn obwohl einige von Roland Schneiders Bildern „Fotoklassiker“  sind, und weltweit bekannt, birgt sein Archiv noch riesige Mengen von Material, welches ausser der Fotograf selbst niemand kennt. Dies ist ein beklagenswerter Zustand, sind doch seine Industriefotografien in ihrer inhaltlichen und künstlerischen Qualität denjenigen von international hoch gehandelten Koryphäen wie Bernd und Hilla Becher oder Sebastiao Salgado ebenbürtig. Die Industriefotografie wird in ihrer Bedeutung erst langsam erkannt in dieser Zeit des Übergangs von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft, von der Old Economy zur New Economy. Vieles, was vor vierzig Jahren für zahllose Menschen ihre alltägliche Arbeitswelt war, ist heute bereits verschwunden.

Roswitha Schild, Kunsthistorikerin, Solothurn

 
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