Foto-Chronist von hoher künstlerischer Qualität

Franz war Redaktionsmitglied der „Oltner Neujahrsblätter“, Mitglied im Kantonalen Kuratorium und in der Betriebskommission des Palais Besenval. Gemeinsam haben wir mehrere Bücher und Ausstellungen erarbeitet: Dokumentationen zu Schloss Waldegg und zum Palais Besenval, zu Oltens Partnergemeinden: „Zwischenhalt. Altenburg – eine Stadt im Aufbruch.“ sowie „Das Partnerbauerndorf Stierva/Graubünden“. Wer erinnert sich nicht an die wunderbaren Fotoserien in der Christkatholischen Kirche „Glauben und Vertrauens, an das Fotobuch „Eisenbahnerstadt Olten“, an seine brillanten Aufnahmen zu den „Oltner Altersheimen“ und „Oltner Tanztagen“, an seine Reportagen über die Skulpturen von Martin Disler und die Amerika-Tournée von Nobi Lehmann? Franz stand immer zur Verfügung, wenn man ihn brauchte: in Lostorf auf Schloss Wartenfels oder in der Landarztpraxis Kruker; in Olten damals bei der Schliessung der Spanischen Weinhalle, bei den Kulturaktivitäten rund um das Hotel Hammer, auf dem Brückenmarkt; in der Klus bei den Giessereiarbeitern; für die Kulturstiftung Starrkirch-Wil („CH 4656 in concert“ / „Porträts“); in Solothurn beim Classic Openair und an den Filmtagen. So wurde er für viele zu einer Art Foto-Chronist von hoher künstlerischer Qualität.

Franz Gloor war ein Mensch von grosser Zurückhaltung und stiller Bescheidenheit. Er betrachtete die Welt als sein Gegenüber, das er in seiner ganzen Unfassbarkeit zu verstehen suchte. Dabei fühlte er sich als Instrument der Vermittlung, das stille zu sein hatte, ohne zu stören oder sich stören zu lassen. Er liebte die Momente meditativer Selbstversenkung, wenn er die Welt in ihrer ganzen Alltäglichkeit, ohne Glanz und Schminke, vor sich ruhen sah. Als Poet versuchte er, sie in sich selbst zurück zu zaubern, mit der Trauer dessen, der um ihre Vergänglichkeit wusste und sich bewusst war, dass seine Aufnahmen zwar bloss einen einzigen Augenblick erfassen konnten, dem nur seine Kunst etwas Dauer verlieh. Er arbeitete gern in Serien und offenen Reportagen, um Gegensätzliches zu vereinen und Eigenständiges zu bewahren. Er liebte Olten als Stadt ohne Maske, wo nichts für ihn zufällig war, denn alles erschien ihm hier als geworden, daher auch veränderbar und täglich neu erfahrbar. Dafür entwickelte er eine Ästhetik des Übergangs, der permanenten Veränderung, des dauernden Wechsels von Licht und Schatten, Kommen und Gehen, Werden und Vergehen, gefasst in natürlichen Abläufen, in denen das Wesentliche für den aufscheint, der den Blick dafür hat – für die Einzigartigkeit einer Person oder eines Gegenstandes, einer Landschaft oder einer Situation, so dass alles in sich stimmt, in der dazu gehörenden existentiellen Tiefe. So sehr die Aufnahmen in sich spontan wirken, so sehr sind sie von Grund aus durchdacht, in ihren Dimensionen situiert und in den Perspektiven vom Künstlerauge festgehalten, d.h. im eigentlichen Sinne stilisiert.


Seine Fotografien sind Kostbarkeiten des Augenblicks, im Zusammenwirken von Aussenwelt und Innenwelt, Fantasie, Wahrnehmung und kompositorischem Können, so wie er es selbst formulierte: „Meine Wirklichkeit, die ich fotografiere, in der ich mich wohl fühle, die für mich Heimat bedeutet, verändert sich zusehends, entschwindet nach und nach, und zurück bleiben die Fotos und eine kleine Sehnsucht.“  

Peter André Bloch, Germanist, Kulturvermittler, Olten

 
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